Michael Wilmes: Friedensrede zum 1. September 2026

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, weiter nichts!
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, weiter nichts.
Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt –
als wär’s ein Heiligtum.
Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, weiter nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, weiter nichts.

(Christian Morgenstern, aus „Galgenlieder“, 1905)

Niemand kann eine solche Welt wollen, wie Christian Morgenstern sie eindrücklich in dies Bild vom Knie gebracht hat. Niemand! Wirklich niemand?

Daran sind mehr als Zweifel angebracht. Wie oft hören wir, dass Deutschland „kriegsbereit“ werden muss. Weil Putin uns angreifen will. Mit festgelegtem Datum im Jahr 2029 oder ‘30. Warum er damit noch 3 oder 4 Jahre warten will oder soll, bleibt dabei im Dunkel.

Eine von vielen Ungereimtheiten.

Bleiben wir in Brandenburg!

Matthias Platzek war Ministerpräsident von Brandenburg von 2002 bis 2013. Er ist der direkte Vorgänger von Dietmar Woidke.

Seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 war Herr Platzek mindestens in neun Fällen zu Gesprächen in Moskau. Privat, wohlgemerkt. Auf eigene Kosten. Ohne jeden politischen Auftrag – zumindest nicht offiziell.

Sind massive Aufrüstung und Sicherheit gegen Russland das wirklich allein tragfähige Konzept für unsere Zukunft?“, war und ist sein Thema, dass er in die Debatte trägt.

Und jetzt die Frage: Warum findet das fernab einer interessierten Öffentlichkeit statt?

Was hindert den jetzigen Ministerpräsident Herrn Dietmar Woidke daran, solche Aktivitäten zumindest wertschätzend zu erwähnen – eigentlich sogar, es ihm gleichzutun?

Was bringt ihn stattdessen dazu, mit einer Partei zu koalieren, dessen Frontmann Herr R. Kiesewetter fordert, „Der Krieg muss nach Russland getragen werden. Russische Militäreinrichtungen und Hauptquartiere müssen zerstört werden. Wir müssen alles tun, dass die Ukraine in die Lage versetzt wird, nicht nur Ölraffinerien in Russland zu zerstören, sondern Ministerien, Kommandoposten, Gefechtsstände.“

(1) Handlungen, die geeignet sind […] die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig.
(2) Sie sind unter Strafe zu stellen.

(Grundgesetz, Artikel 26, Absatz 1)

Ein Hinweis für den „Spiegel“. Wenn Sie wieder mal eine Ausgabe mit Fahndungsfoto auf der ersten Seite mit der Unterschrift: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ brauchen – das bringt ja Auflage – dann hätte ich da gegebenenfalls einen Tipp.

Wie pervers ist das denn: Friedensdiplomatie geschieht in aller Heimlichkeit, unbemerkt und unkommentiert. Man gefährdet ja quasi seinen Ruf, sich bei sowas erwischen zu lassen. Aber Kriegsabsichten können laut herausposaunt werden und Begriffe wie kriegstüchtig und kriegsbereit gehören mittlerweile zum festen Wortschatz.

Hier ein Wachrüttler von Günther Eich, geschrieben vor gut 75 Jahren:

Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, weil das Entsetzliche näher kommt.
Auch zu dir kommt es, der weit entfernt wohnt,
von den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
in dem du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, so kommt es morgen,
aber sei gewiss:
O angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart!
Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund,
schon läuft der Strom in den Umzäunungen,
und die Posten sind aufgestellt!
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

(Günter Eich, aus dem Epilog des Hörspiels „Träume“, 1951)

Ja Herr Woidke, vermutlich ist Ihnen mittlerweile auch peinlich und unangenehm, was Sie am 1. August 2020 zum 75. Jahrestag des Potsdamer Abkommens im Schloss Cecilienhof gesagt haben:

Die Lehren von Potsdam liegen auf der Hand: den Frieden immer und überall verteidigen, mit Dialog und Diplomatie Konfrontation vermeiden, die Europäische Union als Friedens- und Einheitsprojekt des Kontinents stabilisieren und ausbauen. Das sind wir den Opfern der grausamen Kriege des vergangenen Jahrhunderts auf immer schuldig.“

Können wir da noch auf ihr Wort zählen Herr Ministerpräsident?

Oder gilt weiter der Gedanke Bertolt Brechts:

Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer. Die Schilderungen, die der Hamburger von den Schrecken der Verheerung empfing, belehren die Nachkommen wenig, befürchte ich; noch weniger die von Nagasaki und Hiroshima. Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen, ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“

(Bertolt Brecht, in seiner „Rede für den Frieden“, die er auf dem Völkerkongress für den Frieden im Dezember 1952 in Wien hielt)

Ja, ich möchte positiv enden. Bei so viel schlechten Nachrichten braucht es zumindest auch seelische Stärkung. Und ich weiß, dass unter Ihnen Christen sind, die es so verdammt ernst meinen mit dem Frieden wie ich auch. Und deshalb gehört mein letzter Beitrag dem Befreiungstheologen Ernesto Cardenal aus Nicaragua, der vor sechs Jahren im Alter von 95 Jahren starb. Schlohweiße Mähne und schwarze Baskenkappe.

Höre meine Worte, Herr!
Höre mein Klagen!
Höre meinen Protest!
Denn du bist kein Gott, der die Reichen liebt,
noch bist du der Freund der Mächtigen,
noch ihr Bundesgenosse.
Du bist nicht mit den Gangstern im Bunde,
noch mit denen, die man durch die Reklame berühmt macht.
Du verabscheust die Diktatoren
und zerstörst die Imperialisten.
Du bist gegen die Schmeichler
und die Mörder
und die Lügner.
Ihre Reden sind unaufrichtig
wie ihre Presse-Erklärungen.
Sie sprechen vom Frieden –
und steigern die Rüstungsproduktion.
Auf ihren Konferenzen reden sie vom Frieden,
doch im Geheimen bereiten sie Krieg vor.
Ihre Reden sind glatt wie Eis,
aber ihre Herzen voller Verrat.
Aus ihren Hälsen haucht der Tod.
Straf sie, o Gott!
Lass scheitern ihre Politik!
Bringe ihre Memoranden durcheinander!
Verhindere ihre Programme!
Doch alle, die ihr Vertrauen auf dich setzen,
werden sich freuen.
Wer ihren lügnerischen Parolen nicht glaubt,
wer ihrem Werben und ihren politischen Kampagnen nicht traut,
den segnest Du,
den umgibst Du mit deiner Liebe wie mit einem Schild.

(Ernesto Cardenal, aus „Psalmen“, 1971)

Michael Wilmes